OSCAR CISANO | LEBENSBERICHT
Ich konnte „beobachten, wie gut Jehova ist“
Es war dunkel, als mein bester Freund Alejandro und ich zu einem kleinen Marktplatz in der Nähe unseres Zuhauses gingen. Wir blickten zu den Sternen hoch und dachten darüber nach, wie klein wir in Jehovas Augen sind. Damals war ich sieben. Obwohl ich eine Sehschwäche hatte, konnte ich die Schönheit und Weite des Himmels über uns wahrnehmen. Ich empfand eine tiefe Liebe zu Jehova und den starken Wunsch, ihm zu dienen. Seit diesem Abend habe ich noch viel mehr Schönes beobachten können als nur den Sternenhimmel. Das ist meine Geschichte.
Ich kam 1966 mit einer beidseitigen Linsentrübung (grauer Star) zur Welt, was bei Neugeborenen selten ist. Auf dem linken Auge bin ich völlig blind und auf dem rechten Auge beträgt meine Sehkraft nur zehn Prozent. Ich kann zwar den Himmel erkennen und ein Buch lesen, wenn ich es ganz dicht vors Gesicht halte. Aber vieles, was für andere selbstverständlich ist, ist mir nicht möglich, zum Beispiel Auto fahren oder an bestimmten Sportarten teilnehmen. Trotzdem habe ich nie zugelassen, dass meine Sehschwäche meine Freundschaft mit Jehova beeinträchtigt.
Von klein auf lerne ich, Jehova zu lieben
Ich bin in Rafaela, einer Kleinstadt etwa 500 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires (Argentinien), aufgewachsen. Meine Mutter und meine Oma waren Zeugen Jehovas, aber mein Vater war Atheist. Er war ein guter Vater und hatte nie etwas gegen den Glauben meiner Mutter einzuwenden. Er hatte auch kein Problem damit, dass sie mir die Wahrheit näherbrachte.
Meine Mutter sprach gern mit mir über Jehova, und ich liebte es, ihr zuzuhören. Ich war erst zwei Jahre alt, als sie anfing, mir aus dem Buch Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradiesa vorzulesen. Zuerst stellte sie immer eine Frage. Dann las sie mir den Absatz vor und stellte die Frage noch einmal. Damals war ich natürlich noch zu klein, um alles zu verstehen. Doch mit der Zeit lernte ich dadurch Gott als reale Person kennen und kam ihm immer näher.
Ich als Fünfjähriger
Als ich dann selbst lesen konnte, verschlang ich jede biblische Veröffentlichung, die ich in die Finger bekam. Wegen meiner Sehschwäche musste ich mir die Bücher ganz dicht vors Gesicht halten, aber davon ließ ich mich nicht entmutigen. Meine Mutter weckte in mir eine tiefe Liebe zum Lesen, die bis heute anhält.
Besonders freute ich mich jedes Jahr über das Jahrbuch der Zeugen Jehovas. Wenn ich las, was die Brüder und Schwestern in weit entfernten Ländern durchmachten und erlebten, träumte ich davon, eines Tages Missionar zu werden und dort zu predigen, wo mehr Hilfe gebraucht wird. Mir war klar, dass ich noch einiges vor mir hatte, wenn ich dieses Ziel erreichen wollte. Wie habe ich darauf hingearbeitet?
Mit sieben wurde ich ungetaufter Verkündiger. Das war in dem Jahr, in dem Alejandro und ich unter dem Sternenhimmel darüber gesprochen hatten, was wir aus unserem Leben machen wollten. Es machte mich glücklich, dass ich mein erstes Etappenziel erreicht hatte! Bei jeder Gelegenheit sprach ich mit anderen Kindern über die Wahrheit und mit einigen konnte ich sogar die Bibel studieren.
Um Jehova zu gefallen, musste ich natürlich noch weitere Fortschritte machen (1. Timotheus 4:15). Zwei Jahre später sagte ich meinen Eltern, dass ich Jehova dienen und mich taufen lassen wollte. Ich erklärte meinem Vater die Gründe und er war einverstanden. Also ließ ich mich mit neun Jahren taufen – am selben Tag wie mein Freund Alejandro.
Meine Liebe zu Jehova wird geprüft
Nicht einmal ein Jahr nach meiner Taufe verbot die argentinische Regierung die Tätigkeiten von Jehovas Zeugen – das war 1976. Im ganzen Land wurden Hunderte Kinder von Zeugen Jehovas von der Schule verwiesen, weil sie nicht die Nationalhymne sangen. Einige Lehrer sagten, dass mir das auch passieren könnte, wenn ich nicht mitsingen würde.
Die Situation wurde noch schwieriger, als mein Vater mir deutlich machte, dass er um meine Zukunft besorgt war. Er sagte zu mir: „Ich habe nichts dagegen, dass du die Zusammenkünfte besuchst und predigen gehst. Aber ich kann nicht tatenlos zusehen, wenn du von der Schule verwiesen wirst. Du kannst nicht gut sehen. Wie willst du als Erwachsener für dich sorgen, wenn du keine Schulbildung hast?“
Natürlich wollte ich meinen Vater nicht vor den Kopf stoßen, aber ich wollte auch Jehova treu sein. Also habe ich immer und immer wieder zu Jehova gebetet, dass er mir den richtigen Weg zeigt. Nachdem ich Apostelgeschichte 5:29 gelesen und darüber nachgedacht hatte, entschloss ich mich, bei meiner Entscheidung zu bleiben und die Nationalhymne nicht zu singen. Jehova hat mich nicht im Stich gelassen. Er hat mir Kraft gegeben, damit ich dem Druck standhalten konnte, und einen Ausweg geschaffen (1. Korinther 10:13). Ganz unerwartet hörten meine Lehrer auf, mir mit einem Schulverweis zu drohen. Dann entschied der Oberste Gerichtshof von Argentinien 1979 im Fall von zwei Kindern von Zeugen Jehovas, dass sie wieder in die Schule aufgenommen werden mussten. An dieser Entscheidung orientierten sich auch viele untergeordnete Gerichte. Ich konnte selbst erleben, wie Jehova uns beschützte. Das bestärkte mich noch mehr darin, dem Gott zu dienen, den ich liebe.
Alejandro und ich mit unserer Schulklasse; ich stehe
Ich behalte meine Ziele im Blick
Nach meiner Taufe behielt ich meine Ziele im Blick. Unter anderem wollte ich die Gileadschule besuchen und Missionarb werden. Falls man mich fragen würde, wo ich gern dienen wollte, hatte ich auch schon eine Antwort parat: Äquatorialguinea. Aus dem Jahrbuch wusste ich nämlich, dass dort viele Verkündiger gebraucht wurden und dass Spanisch eine der offiziellen Landessprachen war.
Meine Mutter ermunterte mich nach Kräften, meine Ziele zu erreichen. Sie lud zum Beispiel oft den Kreisaufseher und seine Frau zu uns ein, deren Glaube und Eifer meinen Wunsch anfachten, Vollzeitprediger zu werden. Außerdem fing ich an, die Bibel Vers für Vers zu studieren, weil ich mir vorstellte, dass man das in der Gileadschule so macht.
Am entscheidendsten war, dass ich fleißig predigte. Ich konnte sogar einigen helfen, Diener Jehovas zu werden. Dazu gehörte eine ältere Frau namens Antonia. Sie war katholisch und engagierte sich in der Politik. Ich lernte sie im Haus-zu-Haus-Dienst kennen, und ein paar Tage später konnte ich zusammen mit meiner Großmutter ein Bibelstudium mit ihr beginnen. Antonia sagte zu mir: „Ich war erstaunt, dass ein so junger Mensch über die Bibel sprechen wollte. Deshalb studiere ich mit dir.“ Sie machte gute Fortschritte, änderte vieles in ihrem Leben und ließ sich im Alter von 73 Jahren taufen.
Enttäuschungen bremsen mich nicht aus
Ich war noch keine 20, als ich die Ältesten fragte, was ich tun müsse, um Missionar zu werden. Sie erklärten mir, dass sich Verkündiger aus Argentinien nicht für die Gileadschule bewerben könnten.c Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war total enttäuscht. Doch das änderte nichts an meinem Wunsch, Pionier zu werden und Jehova mein Bestes zu geben.
Alejandro und ich auf einem Kongress. Später diente Alejandro als Sonderpionier
Im Jahr 1991 wurde ich zum Ältesten ernannt. Zwei Jahre später, als ich 26 war, durfte ich die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung (SDW) besuchen, die man heute als Schule für Königreichsverkündiger kennt. Anschließend kehrte ich in meine Versammlung in Rafaela zurück.
Meine SDW-Klasse; ich sitze in der ersten Reihe ganz links
Wegen meiner Sehbehinderung fiel es mir nicht immer leicht, meine Aufgaben in der Versammlung zu erfüllen. Als Ältester leitet man oft Programmpunkte mit Zuhörerbeteiligung. Doch für mich war es eine ziemliche Herausforderung, zu erkennen, wer sich gerade meldete. Mir fiel es schon schwer, diejenigen in der ersten Reihe zu erkennen. Am Anfang versuchte ich, mir einzuprägen, wo sich jeder Einzelne hingesetzt hatte. Aber wenn jemand den Platz wechselte, rief ich oft den Falschen auf. Inzwischen bitte ich einen Bruder, mir zu sagen, wer sich meldet.
1998 heiratete ich Vanina, eine fleißige Pionierin, die wie ich Jehova ihr Bestes geben wollte. Wir gaben uns Mühe, damit wir für verschiedene Dienstzweige zur Verfügung stehen konnten. Aufgrund meiner Sehschwäche war manches für uns nicht möglich. Trotzdem taten wir weiter, was wir konnten.
Vanina und ich am Tag unserer Hochzeit
Schließlich sahen Vanina und ich die Möglichkeit, als Pioniere in eine Gegend in Bolivien zu ziehen, wo mehr Hilfe benötigt wurde. Wir machten entsprechende Pläne, doch nur drei Wochen vor dem Umzug wurden wir überraschenderweise eingeladen, im argentinischen Zweigbüro mitzuhelfen. Zuvor hatte ich schon einige Jahre die dortige Rechtsabteilung unterstützt. Die Aussicht, Jehova Vollzeit im Bethel zu dienen, begeisterte uns!
Eine Lektion in Demut
Vanina und ich dienen seit 2001 im Bethel in Argentinien und haben dort viel Schönes erlebt. Allerdings erlitt ich 2014 in meinem rechten Auge eine Netzhautablösung und stand in der Gefahr, vollständig zu erblinden. Es ging mir richtig schlecht. Ich wusste, dass Jehova seinem Volk in den letzten Tagen geistigen Schutz bietet, aber ich wollte, dass er mich auch buchstäblich beschützt. Mir war nicht bewusst, wie sehr sich meine Gedanken nur um mich selbst drehten. Doch Jehova fand einen guten Weg, mich zu korrigieren.
Ich hörte mir das Buch Hiob in der Hörbibel an. Hiobs Beispiel machte mir bewusst, dass ich zu sehr auf meine eigene Situation fixiert war (Hiob 30:20, 26). Möglicherweise würde ich erblinden. Aber meine Gesundheit war nicht das Wichtigste. Ich musste das große Ganze im Blick behalten (Hiob 35:9, 10). Was half mir, meine Situation richtig einzuschätzen?
Ein blinder Bruder lud mich ein, ihn zu einem Bibelstudium zu begleiten. Als ich beobachtete, wie der Bruder das Studium leitete, wurde mir klar: Selbst wenn ich komplett blind wäre, könnte ich dem Gott, den ich liebe, immer noch dienen. Und darauf kam es mir doch an! Ein paar Tage später las mir ein Kreisaufseher Psalm 112:7, 8 vor. Er zeigte mir, dass Jehova mich – auch wenn ich blind wäre – nie verlassen würde, solange ich ihm völlig vertraute.
Schließlich wurde ich am rechten Auge operiert und erholte mich gut. Kurz darauf konnte ich meine Arbeit wieder durchführen. Etwa ein Jahr später fing ich an, von Argentinien aus für die Rechtsabteilung in der Weltzentrale zu arbeiten. Jetzt unterstütze ich Zweigbüros auf der ganzen Welt in rechtlichen Angelegenheiten und erlebe immer wieder, wie Jehova seinem Volk hilft (Hiob 42:2).
Jehova hat mir wirklich auf eindrucksvolle Weise Demut beigebracht. Ich habe gelernt, dass meine persönlichen Probleme nicht das Wichtigste sind und dass Jehova seine Freunde nie im Stich lässt (Psalm 9:10).
Ich habe gesehen, dass Jehova gut ist
Solange ich denken kann, steht Jehova im Mittelpunkt meines Lebens. Dank meiner Mutter habe ich schon früh eine tiefe Liebe zu meinem Gott entwickelt und mir Ziele im Dienst für ihn gesteckt. Als ich feststellte, dass manche dieser Ziele für mich unerreichbar bleiben würden, hat Jehova mir geholfen, trotzdem mein Bestes zu geben. Er hat mir in der Schule beigestanden, als meine politisch neutrale Haltung auf die Probe gestellt wurde. Und er hat mich korrigiert, als ich zu sehr an mich selbst dachte.
Es ist jetzt 50 Jahre her, seitdem Alejandro und ich zum Himmel hochschauten und über unsere Ziele sprachen. Damals staunte ich nur so über die Sterne. Aber inzwischen habe ich viel mehr gesehen. Ich bin zwar fast blind, aber ich kann von ganzem Herzen sagen: Ich konnte „beobachten, wie gut Jehova ist“ – der Gott, den ich liebe (Psalm 27:4).
Vanina und ich im Bethel in Argentinien
a Herausgegeben von Jehovas Zeugen; wird nicht mehr aufgelegt.
b Früher kamen Missionare aus den Reihen der Gileadabsolventen. Heute besuchen sie meist die Schule für Königreichsverkündiger.
c Pioniere, die zur Gileadschule eingeladen wurden, kamen viele Jahre lang meist aus Ländern mit verhältnismäßig vielen Zeugen Jehovas.